Blicke, blicken, beobachten. Retroperspektiv scheint mein beruflicher Werdegang ein durchaus gradliniger zu sein. Er begann im Kinderzimmer, direkt nach den französisch Hausaufgaben. Mein erster Roman füllt drei karierte DIN-A-4 Hefte und weitere 100 Seiten, handschriftlich, versteht sich. Eine wildromantische Liebesgeschichte, die mein 12-jähriges Ich erschuf, nachdem es in den Sommerferien Anne Golons Angélique-Romane verschlungen hatte. Mein Geoffrey de Peyrac hieß Tobias. Hellbraune Locken, sanftes Lächeln, breite Schultern vom Schwimmen. Er rettete mich im Sommer 1981, als Oma und ich in meinem orangen Optimisten kenterten. Denn der Wind war in Boen zu stark, meine kleine Oma zu schwer für den Bug. Die Wellen schwappten ins Boot. Die Windstärke verdoppelte sich. Oma und ich soffen ab. Tobias kam mit dem Motorboot der DLRG und angelte mich aus dem Edersee. Ich trug einen grünen Bikini, schlotterte vor Angst und Aufregung. Der erste Magic Moment meines Lebens. Und weil ich im Jahr davor von meinem Vater eine kleine silberne Revue geschenkt bekommen hatte, gibt es ein Bild von Tobias und mir.
Die Kamera ist seit meinem elften Geburtstag meine ständige Begleiterin. Nur sechs Jahre später verhalf sie mir zu meinen ersten beruflichen Gehversuchen als Zeitungsreporterin. Ich liebte es vom ersten Moment. Es gibt für mich keine beglückendere Kombination als zu fotografieren und zu schreiben. Menschen zu beobachten, sie zu interviewen, um für Reportagen, Kurzgeschichten und Porträts die richtigen Wort zu finden. Vor allem für Porträts. Denn jeder Mensch trägt in sich Geschichten, die es verdienen, gehört, erzählt – und vielleicht sogar gelesen zu werden.
Ganz gleich ob mit der Minolta X 700 oder irgendwann die Nikon D90 – mit der Kamera in der Hand ist es leicht, professionell aufzutreten und wildfremde Menschen anzusprechen. Sie macht mich zur souveränen Reporterin, die lässig Campino von den Toten Hosen, Fury in the Slaugtherhouse Drummer Rainer Schumann, Sängerin Angelika Milster oder Musiker Heinz Rudolf Kunze interviewt, mit Hollywood-Star Charlize Theron über Hunde und mit Weltklasse-Pianist Lang Lang über seine Chopin-Interpretation spricht. Oder entspannt mit Schreibenden wie Daniela Krien, Karen Duwe, Martin Suter oder Hans Magnus Enzensberger plaudert. Oder auch über ein Filmset schlendert und Momente festhält, die es nie auf den Fernsehbildschirm oder die Kinoleinwand schaffen.
Denn der Blick durchs Objektiv ist intimer, die Bilder haben mehr Tiefe und eine höhere Qualität als auf dem besten Handydisplay.
Und hohe Qualität ist mein Anspruch an meine Arbeit als Autorin. Egal, in welcher Funktion ich zu Füller und Papier greife oder den Laptop aufklappe: alles, was ich höre, lese oder beobachte, das, was andere behaupten – nichts bleibt ungeprüft. Alles wird hinterfragt, um dann in die passenden Worte zu kleiden. Nur so kann Qualität entstehen.
Als Journalistin fühle ich mich größtmöglicher Objektivität verpflichtet.
Als Ghostwriterin den Menschen, deren Geschichte ich erzähle.
Als Drehbuchautorin meinen Charakteren und ihren Emotionen.