Zahlen. Fakten. Daten.

Schuhgröße, Blutdruck, Gewicht, Einkommen, Liebhaberinnen und Liebhaber …
Es gibt ja nichts, was sich nicht in Zahlen fassen ließe, in Ziffern vor und nach dem Komma. Gilt bekanntlich auch für Geburtsjahr, Abi-Jahrgang, Studiensemester, Abschlüsse, Wohnorte, Reisen, Freunde und Feinde. Doch was sagt das am Ende über eine Person aus? Sind die eigentlichen Lebenserfahrungen nicht ungleich aussagekräftiger?

Geboren an einem Donnerstag im Mai bei kühlen, trockenen 15,6 Grad und aufgewachsen in der niedersächsischen Provinz. Flucht aus eben jener am 1. Mai, übrigens einem Mittwoch, beinahe exakt 25 Jahre später. Quasi rübergemacht in den Osten, mit einem Examen in der Tasche, das wenig half, aber auch nicht schadete.

Was das Abitur nicht konnte, hatte auch das Studium nicht geschafft: mir die Überzeugung zu nehmen, dass ich alles wollte, nur keine Lehrerin werden. Stattdessen sollte es der Journalismus sein. Think big war die Devise. Ich wollte die deutsche Oprah Winfrey werden oder aber wenigstens Moderatorin Margarethe Schreinemakers beerben. Daraus wurde nichts.

Moderiert habe ich über die Jahre trotzdem immer mal wieder: runde Geburtstage, Hochzeiten, Lesungen. Was eben so geht als extrovertierter Mensch mit Hang zu großen Emotionen. Und dann ging ein heimlicher Traum in Erfüllung: auf der Theaterbühne zu stehen. Als Teil eines Schauspielensembles spielte ich Eine Arbeiterin achtmal vor ausverkauftem Haus, in diesem Fall einer Industriehalle, inklusive Versprecher, Texthänger und Standing Ovations.

Scheitern stand in den ersten 25 Jahren nach dem Studium nicht auf dem Lebensplan, daher ging es immer nur weiter, höher. Schritt für Schritt, ohne nennenswerte Enttäuschungen oder erinnerbare Rückschläge. Auf die fundierte Ausbildung zur Zeitungsredakteurin in Berlin und Hamburg folgte die Drehbuchschule in der Hansestadt. Mehr als 100 verfilmte Drehbücher später stockte die bislang positive Prognose, und es ging los mit den ersten empfindlichen Rückschlägen, die im allgemeinen Sprachgebrauch wenig hilfreich als „das echte Leben“ bezeichnet werden.

Da stirbt erst die Liebe zur großen Liebe, dann der Hund. Kurz darauf der Vater. Jobverlust. Eigenbedarfskündigung. Jobverlust Teil II. Schreibblockade, Burnout – oder umgekehrt. Jobverlust Teil III, IV und V. Unerwartet schnell stirbt die Mutter. Danach, in empörend kurzen Abständen, Menschen, die immer da waren. Da ist längst Schluss mit der Überzeugung, dass die blöden Dinge immer nur in Filmen, Büchern oder den anderen passieren. Plötzlich reicht es nicht mehr, zuverlässig, freundlich und fleißig zu sein und die Steuern pünktlich zu bezahlen. Auf einmal und ohne es zu bemerken oder zu wollen, ist man erwachsen.

Mehr noch. Man schaut auf die Welt, die sich irgendwann so verändert hat, und kann sich nicht erinnern, wann das passiert ist. Lebensträume erweisen sich als pudergezuckerte Blubberblasen, die zweite oder dritte große Liebe lässt auf sich warten, der neue Job fordert mehr, als er gibt. Diverse Körperteile verlieren erst über Nacht, dann dauerhaft Glanz und Farbe und verlieren den Kampf gegen die Schwerkraft. Weitere Einbußen werden nicht nur auf dem Girokonto verbucht.

Woher soll man wissen, wie es weitergeht, wenn man irgendwann nicht einmal mehr weiß, wohin? Ich habe Jahre damit verbracht, nach einem Schalter zu suchen, der mein Leben wieder in die richtige Richtung lenkt. Gefunden habe ich keinen Schalter, keinen Hebel, nicht mal einen kleinen Knopf.

Eines Morgens, 57 Jahre, sechs Monate und vier Tage später, ist wieder ein Donnerstag. Es nieselt, die Blätter sind irgendwas zwischen erschöpftem Braun und trotzigem Rot, und die Zahlen, Fakten, Daten meines Lebens spielen immer noch keine Rolle. Einzig die Erfahrungen, die ich gesammelt habe. Und die sind Stoff genug.

So viel steht fest: Das nächste Kapitel will geschrieben werden.