Grabräuber

Blumen verändern ihre Umgebung. Machen sie bunter und lebendiger. Einem Grab schenken sie manchmal Leichtigkeit, sagen, ich vermisse und liebe dich. Mit meinem Einzug in die Straße am Friedhof beginnt die Freundschaft mit der Inhaberin des Blumenladens. Sie pflegt viele Gräber. Im Verlaufe der Jahre immer weniger. Sie klagt nie. Nicht mal, als sie von einem Mann mit einem Messer bedroht wird und ihm die Tageseinnahme von 13, 64 Euro gibt. Es ist nichts weiter passiert, sagt sie. Schon längst schenke ich mir da jeden Freitag einen bunten Blumenstrauß. Auch wenn es nicht wirklich hilft, macht es mich dieses Ritual glücklich. Genau wie unsere täglichen Treffen. Wir sitzen am Nachmittag ungestört hinter dem Laden in der Sonne. Im Winter bei einer Tasse Tee im Laden. Manchmal koche ich für uns Kürbissuppe oder backe Zuccinikuchen mit Schokoladenüberzug. Wir reden über nichts bestimmtes, wie Freundinnen es tun. Ich erzähle Geschichten aus meiner Welt und sie aus ihrer. Dabei erfahre ich, dass seit einiger Zeit immer wieder Grabschmuck gestohlen wird. Frisch gepflanzte Stiefmütterchen, Chrysanthemen oder Heidekraut verschwinden spurlos. Manchmal auch ganze Blumensträuße. Die Inhaberin fühlt sich schuldig. Auch wenn niemand ihr Vorwürfe macht.

Mich beschäftigt die Frage nach dem warum. Und nach dem wer. Über einige Tage beginne ich zu unterschiedlichen Zeiten über den Friedhof zu schlendern. Sitze abwechselnd auf einer der drei Bänke und versuche nicht wie die neugierige Zuschauerin zu wirken, die ich bin. Während ich so tue, als würde ich die Ruhe genießen, beobachtete ich Menschen, die Zwiesprache am Grab halten. Viele stellen frische Blumen in die schmalen grünen Vasen, die man in die Erde bohren kann. Kaum jemand pflanzt etwas.

Eine elegant gekleidete Dame steht kurz vor einem Grabstein, auf dem ein einzelner Name steht. Sie steht da, den Kopf leicht zur Seite gelegt als lausche sie aufmerksam und lächelt. Wie zum Abschied nickt sie und kommt auf mich zu. Sie grüßt und fragt, ob ich etwas dagegen habe, wenn sie sich setzt. Wir schweigen mit Blick auf den Grabstein. Dann lächelt sie mich an. An ihren Ohren kleine Perlen, ihre klaren blauen Augen sind von winzigen Falten umrahmt. Heute ist ihr 83ter Geburtstag. Bevor ihre Enkelkinder kommen, wollte sie mit ihrem Mann sprechen. Er starb vor zwei Jahren. Seitdem kommt sie täglich für ein paar Minuten vorbei. Jeden Donnerstag stellt sie frische Blumen auf sein Grab. „Mein Arno mochte alle Blumen – solange sie orange geleuchtet haben.“

Dann geht sie. Den Rücken kaum gebeugt, die weißen Haare wie eine Wolke um ihr Gesicht, und verzieht ihren Mund zu einem Lächeln. Ihre Lippen leuchten in sanftem Orange. Sie inspirierte mich, die Figur der zauberhaften Ellie Pellenwessel zu erschaffen.

Deren Geschichte sehen Sie in Folge 103 gerne hier.