
Damals, als T mich erst kleiner Köter nannte und mir schließlich den Namen Milla schenkte, verstand ich die Sprache der Zweibeiner noch nicht sonderlich gut. Kannte ihre Worte oder gar ihre Bedeutungen nicht. Inzwischen habe ich aber so viele Jahre mit T gelebt, so oft vor dem Fernseher gelegen, bin so oft mit ihr im Kino gewesen, habe Gesprächen und Telefonaten zugehört, dass ich inzwischen jedes Wort verstehe und mehr weiß, als ich es mir je vorstellen konnte.
Bildung schadet nur dem, der sie nicht hat, hat T gesagt. Milla, wir sollten mal wieder was für unsere Bildung tun. Bildung. Was für ein hübsches Wort. Allerdings, woher bekommt man Bildung? Kauft man sie im Supermarkt? Liegt die irgendwo im Garten oder findet man sie im Wald? Braucht man sie wirklich? Und vor allem: Was macht man mit ihr?
Soviel kann ich verraten: Bildung ist nicht immer leicht verdaulich. Sorgt manchmal sogar für Bauchschmerzen. Aber, man kann sie kaufen UND fressen.
T hatte also diesen dubiosen, nicht näher erklärten Bildungshunger. Damit war auch ich auf Bildungsbeute aus und folgte T eines Abends die Straße runter. Wir gingen durch eine Doppelglastür zu einer Theke, da stand jemand mit wenig Haaren und großer Brille. T sagte: Wir machen heute mal auf intellektuell. Was empfiehlst du zum Popcorn? Die Antwort: Saal 1. Französischer Cannes-Gewinner.
T bekam einen kleinen Zettel und eine große Tüte mit süß riechenden, weißgoldgelben Maiswölkchen. So riecht also Bildung, dachte ich begeistert und schielte auf den übervollen Behälter. T steckte den Zettel ein. Dabei fiel ein erstes, fluffiges Körnchen runter, das ich sofort einatmete. Unglaublich! Es schmeckte noch besser als es roch! Wenn Bildung so herrlich süß ist, dann nehme ich jeden Tag eine Portion. Eine ganz große, gerne auch eine doppelte.
Unangeleint tänzelte ich T und der Bildung Namens Popcorn hinterher. Folgte beiden in einen Raum mit vielen Klappsessel. Wir hatten eine Reihe ganz für uns alleine. Ohne Aufforderung setzte ich mich neben T auf den rauen Teppich und schielte unauffällig Richtung Bildung, in der heimlichen Hoffnung, sie werde mir ein weiteres Mal vor die Pfoten fallen. Tat sie! Während des ganzen Cannes-Gewinners plumpste sie in regelmäßigen Abständen zu Boden. Es wurde dunkel. Musik erklang. Und während T immer tiefer in ihren Sessel sank und auf die Leinwand starrte, verschlang ich die Bildung mit Hingabe und lüftete nebenbei das ultimative Bildungsgeheimnis: Sie liegt am Boden, die Bildung. Verteilt in kleine Häppchen. Kaum sichtbar ob der Dunkelheit, dafür aromatisch. Ohne dass T es bemerkte, macht ich mich auf die Suche und robbte durch den Gang. Genoss das leise Krascheln, Krachen und Knuspern, wenn ich ein weiteres Bildungskörnchen kaute. Danach war der Gang hinter uns dran.
Seitdem machen T und ich übrigens regelmäßig auf intellektuell. Inzwischen schaffe ich vier Reihen Bildungsbeute pro Film. Denn Bildung schadet tatsächlich nur dem, der sie nicht hat. Und ich bin definitiv auf den Geschmack gekommen.